EssenArt/RevierArt zur Kulturhauptstadt Europas 2010

Nach Berlin 1988 und Weimar 1999 wird 2010 Essen für das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas. Die Freude über den Augenblick geht weit über ihn hinaus.

1985 war Athen, die Wiege der Kultur in Europa, die erste Kulturhauptstadt Europas überhaupt. Es folgten Städte Europäischer Hochkultur wie Florenz, Paris, Bologna, Prag und Avignon …  Wenn Essen sich zuletzt gegen die liebevoll restaurierte sächsische Grenzstadt Görlitz und ihre polnische Nachbarstadt Zgorzelec durchgesetzt hat, dann liegt dies kaum an der Tradition des alten Kohlereviers, in dessen Herz Essen liegt.

In der Bewerbungsschrift stand: „Wir haben wenig ererbt, aber viel erarbeitet.“ Wir im Revier – das sind über 5 Millionen Menschen, darunter Hunderttausende aus weit über 100 Ländern Europas und darüber hinaus. Schon um 1900 kamen hunderttausende polnische Arbeiter mit ihren Familien aus den dortigen Kohlerevieren in den Schmelztiegel der Menschen und Kulturen an die Ruhr. Heute ist der Begriff Multi-Kulti in einigen Kreisen verpönt, das Ruhrgebiet ist ein Beispiel, wie eine ausblutende Industrielandschaft mit gemeinsamer Anstrengung zusammenwachsender Bevölkerungsteile mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen aus Ruinen ein aufs andere Mal aufersteht. Essens Oberbürgermeister nennt die Region deshalb zu Recht ‚Europa im Kleinen’.

Dies ist kein Anlass für eine Romantisierung. Die Herausforderungen der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft verlangen Umsicht bei jedem Schritt über die Kulturlandschaft Ruhr. Hier war die Produktionsstätte Kruppscher Kanonen für die Kriege der letzten Jahrhunderte, die von den Nazis so genannte Waffenschmiede des Reiches, das Rückgrat des so genannten Wirtschaftswunders nach dem zweiten Weltkrieg, hier war die Region rauchender Schlote, die zugleich Heimat stolzer Arbeiter war, die gebraucht wurden, egal wie verstaubt die Lunge und wie kurz das Leben war.

Und hier findet die Transformation alter teils verrottender Industriebauten zu zerbrechlichen Stützen neuer Zukunftshoffnung durch Kultur und durch neue Wirtschaftszweige statt. Diese Wandel-Kultur kann auch vielen anderen Regionen Beispiel sein und Hoffnung geben, die es derzeit noch nötiger zu brauchen scheinen als wir im Revier.

Die Region an der Ruhr weiß, sie muss auf Gedeih und Verderb ihr Gesicht wandeln, um in der schnelllebigen globalisierten Welt bestehen zu können. Sie muss, kann und will Beispiel geben für ein soziales, menschliches, ökologisches, kulturelles Miteinander im umsichtigen Respekt aller Wurzeln des Lebens, das dem Licht der Wärme entgegen wachsen möchte.

Dem Vergessen von Leid und gewonnenen Herausforderung entgegen zu wirken, das ist die edle Chance der Kunst, die die Seele der Metropole ist, als Basis des Überlebens auf dem kommenden Weg des Wandels der Kultur, der Menschen, des Zusammenlebens, im Kleinen und im Großen, hier, in Europa und in der Welt. Der Sinn für die Schönheit gibt Mut für den Wandel.

Und hier setzt EssenArt/RevierArt an. Ästhetik, Vielfalt und Vitalität mögen im Schatten von Naturzerstörung, Gewalt und Krise bedroht sein, doch es gibt sie noch.

Und das verleiht unserer Lebenslust Kraft, unserer Hoffnung auf Verständigung der Menschen. Dazu bedarf es des kulturellen Austausches, der Kunst und der Begegnung über die Grenzen hinweg.

Alte und neue Industrien, junge und alte Bewohner der Region, aus so vieler Herren Länder, ‚hohe’ und ‚alternative’ Kunst, Arm und Reich, Großes und Kleines, …

Wer das Schöne in der Um-Welt sieht, der nähert sich seiner eigenen Schönheit als Mensch.

Die Welt ist schön. Wenn wir doch nur mehr auf sie und uns achten. Jetzt und hier und morgen und global.

Dazu will EssenArt/RevierArt ein Beitrag sein.

« zurück